Eine Ausstellung im Neuen Schloss zeigt vier Skizzen der verlorenen Fresken. Foto: Horst Rudel

Erschienen in der Printausgabe der Stuttgarter Zeitung vom 04. September 2014 (Seite 20)


Ein Blick auf die verlorene Pracht

Ausstellung 16 Fresken haben einst das Neue Schloss geziert. Sie wurden zerstört, aber die Skizzen überlebten. Von Violetta Hagen

Unter dem Sandstein der Fassade steckt banaler Stahlbeton, in den Seiten trakten herrscht nüchternes Bürotreiben: Als sehr authentisch gilt das Neue Schloss in Stuttgart nicht. "Viele Besucher sind bei den Führungen etwas enttäuscht", sagte Staatssekretär Ingo Rust (SPD) am Mittwoch in einem der wenigen rekonstruierten Prunksäle des Gebäudes.

Umso erfreuter waren Rust und Staatssekretär Klaus-Peter Murawski (Grüne), an diesem Tag eine besondere Ausstellung im Mitteltrakt des Neuen Schlosses zu eröffnen, die den früheren Glanz des Gebäudes erahnen lässt: Vier Skizzenkartons des Stuttgarter Hofmalers Joseph Anton von Gegenbaur werden anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Schlossaufbaus erstmals der Öffentlichkeit gezeigt. Die Skizzen nutzte der Maler als Vorlagen für insgesamt 16 Wandfresken. mit denen er im Auftrag des württembergischen Königs Wilhelm I. die Wande des Neuen Schlosses ausschmückte.

Von den Fresken wurden einst Postkarten und Stiche angefertigt.
Patricia Peschel, Konservatorin

Die Pracht der großen Fresken ist lange dahin - sie wurden bei den Luftangriffen auf Stuttgart während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Vor diesem Hintergrund bezeichnete Rust die Skizzen aus den Beständen der Staatlichen Schlösser und Gärten als "großes Geschenk", das man mit Worten kaum beschreiben könne.

Möglich wurde die aufwendige Restaurierung dank einer Spende der Staatlichen Toto-Lotto GmbH Baden-Württemberg in Höhe von 85 000 Euro. Das Geld stammte aus den nicht abgeholten Gewinnen der Glücksspirale in Baden-Württemberg, erklärte die Geschäftsführerin des Unternehmens Marion Caspers-Merk.

Dank der mit Kohle und Kreide angefertigten Skizzen können sich die Besucher ein gutes Bild von der Pracht der alten fresken machen. "Gegenbaur hat jede Figur,jeden Gesichtsausdruck genau gezeichnet, bevor er anfing zu malen. Das war wichtig, da der Putz schnell trocknete und danach keine Korrekturen mehr möglich waren", erklärte die Konservatorin Patricia Peschel von Staatliche Schlösser und Gärten.

Bis vor kurzem schlummerten die circa fünf Meter breiten und 3,5 Meter hohen Skizzenkartons im Schloss Ludwigsburg, wo man während einer Inventur auf sie aufmerksam wurde. Ausgestellt werden sie nur für zehn Tage, da das Material sehr lichtempfindlich ist.

Die Skizzenkartons sind nicht nur ein Zeugnis der verlorenen Schönheit des Neuen Schlosses, sie bieten auch interessante Einblicke in das Selbstverständnis des württembergischen Königshauses.

"Württemberg wurde erst 1806 ein Königreich. Wilhelm I. war daher sehr bemüht, sich gegenüber traditionsreicheren Königshäusern in Szene zu setzen", erklärt Peschel. Aus diesem Grund zeigten die Skizzen Szenen aus dem Leben besonders ruhmreicher Ahnen Wilhelm I., die den Aufstieg Württembergs beförderten. So ist es kein Zufall, dass Wilhelm I. die Belagerung Stuttgarts 1286 malen ließ – bei der seine Vorfahren die mächtigen Habsburger in die Flucht schlugen.

Der Maler, Joseph Anton von Gegenbaur, hatte dank eines Stipendiums des württembergischen Königs einige Zeit in Rom verbracht. Seme Fresken im Neuen Schloss entstanden zwischen 1837 und 1854 und zählten schnell zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Stuttgart. "Von den Fresken wurden Postkarten und Stiche angefertjgt. Vor ihrer Zerstörung wurden sie in Reiseführern für Stuttgart angepriesen", erklärte Konservatorin Peschel. Den Stuttgarter Bürgern seien die Geschichten der Fresken damals gut bekannt gewesen, ist Peschel überzeugt. Heute können sie sich zumindest einen kleinen Eindruck von den verlorenen Bildern machen.

Schau Die Skizzenkartons können vom 4. bis zum 13. September täglich zwischen 10 und 18 Uhr im Mitteltrakt des Neuen Schlosses angesehen werden.
Der Eintritt kostet fünf, ermäßigt 2,50 Euro.

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